An diesem Samstag geht es zum Auswärtsspiel gegen Brighton & Hove Albion. Die Seagulls haben Tottenham schon in der Vergangenheit häufiger zugesetzt und sind in diese Saison mit starken Leistungen gestartet. Trotz Trainerwechsel darf man eine spannende und enge Partie erwarten, in der die Spurs die Ungenauigkeiten der letzten Wochen dringend ablegen müssen.

Ich kann nicht verhehlen, dass ich Brighton große Sympathie entgegenbringen. Das ist kein Wunder, denn der kleine Verein von der Südküste macht im Vergleich zu vielen Premier-League-Clubs vieles anders und damit vieles richtig. Man könnte sicherlich ein triftiges Argument anführen, dass man kein viel besseres Scouting Department in Vereinigten Königreich finden wird. Insbesondere wenn man in Betracht zieht, dass dabei relativ wenig Geld sehr intelligent, d.h. vor allem auch datengetrieben, eingesetzt wird.
Wie viele Schlüsselspieler konnte der Club in den letzten Jahren für hohe Summe abgeben, ohne dass sich dies in etwaigen Leistungseinbrüchen manifestiert hat? Auch in diesem Sommer wechselte Marc Cucurella, Yves Bissouma und Neal Maupay für gut 100 Millionen Euro zu Ligakonkurrenten – und trotzdem steht Brighton aktuell auf dem vierten Tabellenplatz so gut da wie selten. 

In der laufenden Saison wussten die Seagulls im Grunde durchweg zu überzeugen. Gleich am ersten Spieltag siegte man gegen Manchester United, auch West Ham und Leicester City wurden geschlagen. Die bisher einzige Niederlage gegen Fulham war unglücklich und wurde durch ein Eigentor von Lewis Dunk besiegelt. 

Veränderte Vorzeichen

Nun musste Brighton & Hove Albion zuletzt nun aber nicht nur den Abgang wichtiger Personen auf, sondern auch neben dem Platz hinnehmen. Der überraschende Rauswurf Thomas Tuchels bei Chelsea machte den Weg frei und am 8. September übernahm Graham Potter den Trainerposten bei den Blues. Keine angenehme Entwicklung, denn der vorige Trainer der Seagulls hatte sicherlich auch bei vielen Anhängern der Spurs – so wie bei mir – großes Wohlwollen gefunden. 

Über Graham Potter ist viel geschrieben worden. Er ist zweifellos ein talentierter Trainer, der sich allerdings bei einem Verein des Kalibers von Chelsea erst einmal beweisen muss. Interessant ist jetzt vor allem, inwiefern Brighton auch diesen Verlust verkraften kann. Oder könnte sich am Ende herausstellen, dass der stetige Aufwärtstrend der letzten Jahre mehr noch mit dem ausgezeichneten Scouting und weniger mit der Personalie Trainer zusammenhängt? 

Denn am letzten Samstag zeigten die Seagulls gegen das aktuell schwächelnde Liverpool erneut eine fantastische Leistung. Das Debüt für Potters Nachfolger und das gleich auswärts in Anfield. Bereits nach 18 Minuten führte Brighton durch den fantastischen Trossard mit 0:2, der später den Hattrick vollendete. Mit dem 3:3-Endstand teilten sich die beiden Teams zwar schließlich den einen Punkt. Aber von Unsicherheit oder Leistungsabfall war nichts zu bemerken.

Roberto De Zerbi

Es ist zweifellos etwas früh, diesen Erfolg einem Coach anzurechnen, der zum Zeitpunkt der Partie gerade einmal gut eine Woche im Amt war. Graham Potter war seit 2019 Trainer Brighton & Hove Albions und ein großer Anteil der Leistung im Spiel gegen das Team von Jürgen Klopp geht natürlich auf sein Konto. Und doch konnte man bereits am vergangenen Samstag Veränderungen im Spiel erkennen, die auf den neuen Mann hinweisen, der die Mannschaft von nun an führt. Es handelt sich dabei um einen Trainer, über den in den letzten Jahren in Taktik-Nerd- und Fußball-Hipster-Kreise so viel gesprochen und geschrieben wurde wie über wenig andere Personen. 

Mit Roberto De Zerbi haben die Seagulls einen wirklich interessanten neuen Trainer gefunden. Eine kurze Zusammenfassung seiner bisherigen Laufbahn zeigt folgendes: Der Italiener war selber aktiver Fußballer, kam aber hauptsächlich bei kleineren Clubs der Serie B und C zum Einsatz. Nach Ende seiner Karriere, erhielt er 2016 die UEFA-Trainerlizenz. Nach ersten, durchwachsenen Stationen bei Darfo Boaria, Foggia, Palermo und Benevento, wurde er 2018 Trainer bei Sassuolo und führte den kleinen Verein aus der Emilia-Romagna zweimal auf den achten Tabellenplatz. 2021 ging es für De Zerbi zu Shakhtar Donetsk, mit denen er gleich ukrainischer Meister wurde. Nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine weigerte sich De Zerbi seine Mannschaft und das Land zu verlassen. Erst als die sichere Flucht seiner Spieler und ihrer Angehörigen organisiert worden war, kehrte er nach Italien zurück und trat als Trainer zurück. 

Brave football

Was kennzeichnet nun den vielgelobten Fußball des jungen italienischen Trainers? Während all seiner Anstellungen – selbst wenn diese nach Punkten wenig erfolgreich liefen wie bei Benevento – wurde seine offensive Philosophie vielfach gelobt und nicht selten kritisiert. Ein Fußball, der wenig mit jenem risikoscheuen Paradigma zu tun hat, das man gemeinhin mit italienischem Fußball verbindet. Zeman statt Catenaccio.
Roberto de Zerbi vertritt ein offensives Ballbesitzspiel, bei dem der Einfluss Pep Guardiolas klar zu erkennen ist. Unter seiner Ägide war Sassuolo in der Saison 2020/21 das Team mit dem meisten Ballbesitz in der Serie A. De Zerbis bevorzugte Formation ist ein 4-2-3-1, das im Aufbau oder in Umschaltmomenten zu einem 4-2-4 werden kann. Im letzten Spiel gegen Liverpool ließ er sein Team allerdings mit bewährter Dreierkette auflaufen.
Als Kern seiner Spielweise kann das zu meist geduldige, manchmal schnelle, immer aber mutige Aufbauspiel herausgestellt werden, das den Zuschauern die Schweißperlen auf die Stirn treibt. Eine risikoreiche Spielweise, die bei manchem italienischen Experten der alten Schule auf wenig Gegenliebe gestoßen ist. Schon bei seinem Antritt als Trainer von Brighton ließ De Zerbi verlauten: “They have the right skills and characteristics to play brave football, as I want.” Das Grundprinzip lautet: Durch Anlocken des Gegners offensive Räume zu kreieren und diese dann anzugreifen.

De Zerbismo: Fare la partita

Ziel ist die totale Dominanz des Balls und damit des Gegners. Das gelingt, indem das gegnerische Pressing provoziert und in Folge vertikal auseinander gezogen wird. Nicht unähnlich der Herangehensweise Antonio Contes soll so Raum im Zentrum geschaffen werden, der ausgenutzt werden kann. De Zerbis Team passen sich unter Druck von hinten heraus. Dazu wird der Torwart so eng ins Aufbauspiel einbezogen, dass er als dritter Innenverteidiger agiert und Anspielstationen entlang der Torlinie findet. Die wichtigsten Spieler für de Zerbi sind die zentralen Verteidiger. Sie stehen wie die Full Backs auch eng beieinander, um bei einsetzendem gegnerischen Pressing die Gegenspieler mit kurzen Pässen zu umspielen. Indem die Doppelsechs sich tief fallen lassen, wird der Gegner zusätzlich zum Pressing ermutigt. Zusätzlich pressen die eigenen Offensivkräfte die gegnerische Verteidigung und ziehen die Formation so noch weiter auseinander. Symbol dieses taktischen Heranlockens ist die Sohle geworden, mit der die Spieler des Italieners den Ball häufig statisch kontrollieren und so auf den Gegner warten. Für De Zerbi ein Zeichen der kompletten Dominanz, die er anstrebt.


De Zerbis Team lauert – und schlägt dann zu. Indem Überzahlsituationen kreiert werden und/oder jene Lücken genutzt werden, die durch Gegnerdruck oder Rotation entstanden sind, spielt sich die Mannschaft aus dem Pressing heraus. Manchmal geht es mit Geschwindigkeit nach vorne, dann nämlich wenn das andere Team vertikal auseinander gezogen bzw. nach vorne gelockt worden ist oder auch nach Ballgewinn durch Gegenpressing.
Meist ist aber Langsamkeit Richtlinie seines Aufbauspiels. De Zerbis Teams spielen sich geduldig zum gegnerischen Strafraum. Oft bauen sich die Gegner als Reaktion dann in einem tiefen Block um den Strafraum auf, was wir mit absoluter Sicherheit auch bei den Spurs sehen werden. Es geht darum, durch clevere Kombinationen die Kette auf engem Raum zu durchspielen, durch geduldiges Passspiel die Verteidigung zu testen und dann auf gute Möglichkeiten zum Abschuss zu warten. Das Spiel wird in die Weite gezogen. Weil es auf den Flanken immer wieder zu 1-vs-1-Situationen kommen soll, braucht es Flügelspieler mit ausgezeichneter Dribblingfähigkeit und Ballkontrolle. Entsprechend wichtig sind diesen Positionen (Jérémie Boga, Domenico Berardi, Manor Solomon) in der Angriffsphase. In der Saison 2020/21 verzeichnete Rechtsaußen Berardi etwa 24 Scorer. Es wird interessant zu sehen sein, ob der in den letzten Monaten aus der Gunst gefallene Tariq Lamptey diese Rolle ausfüllen könnte: Die eigene Geschwindigkeit nutzen, den Ball nach vorne tragen und Lücken ausnutzen.

Defensive Schwächen?

Allgemein wird behauptet, dass De Zerbi zwar großen Wert auf Angriff und Aufbau lege, die Verteidigung allerdings weniger Beachtung finde. Tatsächlich zeigten sich gerade bei Sassuolo defensive Schwächen. In seinen drei Saisons beim italienischen Verein, kassierten sie insgesamt 179 Tore. Prinzipiell ist De Zerbi ein Freund des aggressiven Gegenpressings. Bei Ballverlust soll dieser durch kollektives Anlaufen schnell zurückerobert werden. Wenn dieses hohe Pressing allerdings überspielt werden kann und die zentralen Räume gesucht werden, wurde es oft problematisch. Die Abwehrreihe war anfällig für durchbrechende Läufe, die Full Backs ließen durch ihr aggressives Pressing dem Gegner oft auf den Flügeln zu viel Raum und auch frühe Flanken in die Box stellten eine stetige Gefahr dar.
Es wird abzuwarten sein, wie Brighton – möglicherweise auch in anderer Formation – sich defensiv anstellt. Prinzipiell könnten diese Mängel aber durch die Spurs ausgezeichnet ausgenutzt werden.

Conte vs De Zerbi

Antonio Conte und De Zerbi sind bereits vier Mal aufeinander getroffen: Drei Mal ging er siegreich vom Platz, ein Mal trennten sich die beiden mit einem Unentschieden. Die Vergangenheit lässt ein unterhaltsames Spiel erwarten, denn in diesen vier Spielen wurden insgesamt 19 Tore geschossen.

Unter Potter war Brighton ein gut pressendes Team, das sich in Ballbesitz wohlfühlte, aber zugleich auch kompakt und defensiv verteidigen konnte. Eine Mannschaft, die den Spurs unter Conte Probleme bereiten konnte. Wir erinnern uns alle an das 0:1 zum Ende der letzten Saison, das beinahe schon die Hoffnungen auf die Champions-League-Qualifikation begraben hatte. Damals manifestierte sich bereits ein Bild, das wir seitdem häufiger gesehen haben. Die Lilywhites hatten wenig Zugriff im Zentrum. Stets wurden sie im Aufbau genervt, das Passspiel war ungenau und es kam zu wenigen aussichtsreichen Umschaltmomenten.

Entscheidend für diese Partie dürfte Contes Formationsentscheidung sein. Wird es das bekannte und viel kritisierte 3-4-3? Oder stellt er für ein 3-5-2 mit Bissouma einen zusätzlichen Mann ins Mittelfeld und lässt dafür Richarlison auf der Bank? Die letzten Matches haben in den Augen vieler Fans bewiesen, dass man ein 3-4-3 solange nicht spielen lassen kann wie Kulusevski verletzt ist. Der Schwede wird auch dieses Spiel verpassen. Außerdem fehlt Emerson Royal, der gegen Arsenal nach einem Foul (vielleicht zu Recht) die rote Karte gesehen hatte. Das bedeutet, dass Conte seine präferierte RWB-Option verliert. Leider ist nicht davon auszugehen, dass er nun Djed Spence eine Chance gibt.

In jedem Falle darf man sich auf eine spannende und relativ ausgeglichene Partie einstellen. Brighton wird in der meisten Zeit den Ball haben, die Spurs wie gewohnt auf Umschaltmomente waren. Tottenham muss mit Chancen unbedingt effizienter umgehen und die Mängel der letzten Monate einstellen, sonst wird Brighton diese gnadenlos ausnutzen. Trossard ist in ausgezeichneter Verfassung, Sánchez aktuell wohl der beste Torwart der Liga, Pascal Groß blüht auf und Mosés Caicedo macht weiterhin von sich reden. Die Dreierkette aus Joel Veltman, Lewis Dunk und Adam Webster steht meistens relativ sicher, denn Brighton gehört zu den Mannschaften mit den bisher wenigsten Gegentoren. Zuletzt sahen sie gegen Liverpool jedoch häufiger unsicher aus und kassierten das dritte Tor nach Ecke. Gianni Vio wird’s freuen.

So könnte Tottenham spielen: Lloris – Sessegnon, Lenglet, Dier, Romero, Perisic – Bentancur, Bissouma, Hojbjerg – Son, Kane

 

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